Gastbeitrag: Über die Angst im Allgemeinen und was man dagegen tun kann

| 25. Mai 2012 | 1 Comment

 

Angst vor Herzerkrankungen

Die Angst davor, ein krankes Herz zu haben ist eine sehr tief gehende Emotion

Was ist Angst?

Für den Anfang kann es mal wichtig sein, dass Du Dir überlegst, was Angst überhaupt ist. Viele Leute sehen in der Angst einen Feind, den es zu besiegen gilt. Dabei ist es ein Teil von Dir, und dieser Teil versucht Dich zu beschützen, das ist alles. Ein Teil von Dir denkt, dass Du Dich z.B. bei Dunkelheit in einer Gefahrensituation befindest, vielleicht auch aufgrund gemachter Erfahrungen. Es geht beim Umgang mit der Angst also nicht darum, sie mit Händen und Füßen zu bekämpfen sondern darum, diesen Teil von Dir zu überzeugen, dass keine Angst notwendig ist. Die Angst ist Dein Freund – wenn auch ein sehr unangenehmer Zeitgenosse.

Die Biologie, die hinter der Angst steht ist auch wichtig zu wissen. Evolutionär war es notwendig, einen „Fluchtmodus“ für den Menschen einzurichten. Einen Zustand, indem er bei Gefahr möglichst schnell das Weite suchen konnte. Jedes Angstsymptom ist ein Werkzeug, um die Fluchtbereitschaft und die Fluchtfertigkeiten zu verbessern: Herzrasen und gesteigerte Atemfrequenz damit der Kreislauf bei der Flucht schon warmgelaufen ist, Schwitzen zum Kühlen des Körpers, ein trockener Hals, damit die Luft ungehinderter in die Lungen strömen kann… Etwas, das bei diesem Thema auch noch sehr wichtig ist, sind die neuronalen Prozesse, die in der Großhirnrinde (der denkende Teil des Gehirns) und den so genannten Mandelkernen (zwei kleine Strukturen, die zu den evolutionär ältesten Gehirnarealen zählen) ablaufen. Die Mandelkerne merken sich jede Angstsituation, und zwar unwiderruflich. Der große Vorteil davon ist die schnelle, und unmittelbare Reaktion die kein Nachdenken erfordert und dass die Mandelkerne sehr leicht ansprechen; auch auf Sachen auf die man vorher nicht geachtet hat: Begegnete ein Urmensch einem Säbelzahntiger, mochte er sich das erste Mal über seine schön spitzen Zähne wundern; beim zweiten Mal war er schon auf der Flucht, kaum dass er den Tiger im Gebüsch gesehen hatte. Die Großhirnrinde dagegen ist die Bestätigungsinstanz: Sobald die Mandelkerne ihr Signal gesendet haben, werden die Gedanken (die im Großhirn ablaufen) auf die Situation gerichtet, und es wird geprüft, ob Gefahr vorliegt oder nicht. Bei Angstproblemen sind die Mandelkerne oft auf Reize geprägt, die gar nicht gefährlich ist. Das wesentlich größere Problem ist, dass im Großhirn gedanklich immer eine Bestätigung der Gefahr stattfindet – auch wenn die Situation vollkommen ungefährlich ist. Daraus ergibt sich eine Unannehmlichkeit: Die Mandelkerne vergessen ja nicht, und werden jedes Mal, wenn man in die entsprechende Situation kommt eine „Anfrage“ an unser Gehirn stellen, ob Gefahr besteht. Mit Gedankenarbeit lässt sich allerdings die Bestätigungsreaktion durch das Großhirn abstellen. Einem Hundephobiker werden Hunde wahrscheinlich zeitlebens auffallen, aber er kann erreichen dass er keine Angst vor ihnen hat.

Was passiert, wenn man Angst hat?

Der Ablauf einer Angstreaktion ist Häufig dieselbe: Erst erfährt man einen komischen/unnormalen Moment. Etwas, wo man das Gefühl hat dass es „Klick“ gemacht hat – zum Beispiel durch ein Rascheln im Dunkeln – etwas, das uns aus der Balance reißt. Danach fühlt sich alles unecht an: Farben sind blasser, Töne eigenartig weit weg, und irgendwie bekommt man nichts mit, man hat nur Angst. Man versucht sich oft abzulenken, aber im Kopf geistern die Bilder dessen, was passieren könnte. Allmählich stellen sich die körperlichen Reaktionen, wie Herzrasen, Atemnot, Schweißausbruch, Zittern und Ähnliches ein. Ab hier wird es meistens unerträglich. Man will nur noch schnellst möglich weg – egal wohin – Hauptsache weg von der Situation. Paradoxerweise erschrickt man häufig über die Heftigkeit der Reaktionen, und bekommt dadurch noch mehr Angst… Was viele Menschen nicht wissen, ist das Ende der Angstreaktion: In der Regel nach 10 Minuten fahren sich Puls und Atemfrequenz wieder runter, und die körperlichen Reaktionen normalisieren sich, auch wenn man einer angstauslösenden Situation ausgesetzt ist.

Hier möchte ich darauf eingehen, was biologisch abläuft: Dieser eigenartige Moment, den man erlebt ist, wenn die Mandelkerne Alarm schlagen. Ab da wird unsere Aufmerksamkeit auf die ängstigende Situation gelenkt, und durch gedankliche Rückkopplungen im Großhirn kommt es zu der Angstreaktion. Da vieles im Unterbewusstsein abläuft, kann man die Angstreaktion nicht einfach abstellen. Aber: Nach 10 Minuten erkennt das Unterbewusstsein in der Regel, dass die Situation tatsächlich ungefährlich ist, und stellt die Angstreaktionen langsam ein, da keine Gefahr in Verzug ist. Darüber Bescheid zu wissen ist sehr wichtig, denn das Unterbewusstsein lernt ständig. Flieht man während der Angstreaktion, lernt das Unterbewusstsein „Es war Gefahr in Verzug, und die Fluchtreaktion ist angebracht“. Hält man die Situation dagegen aus bis sich die Angstsymptome einstellen, lernt das Unterbewusstsein „Das ist doch nicht so schlimm wie ich dachte. Das nächste Mal werde ich nicht mehr so sehr darauf Acht geben“. Indem man eine Angstreaktion bis zum Ende ablaufen lässt, wird sie von Mal zu mal schwächer, bis sie ganz aufhört.

Symptome

Jetzt, da ich ein wenig über die Hintergründe von Angstreaktionen geschrieben habe, will ich auf den praktischen Teil eingehen. Das „A und O“ beim Umgang mit der Angst ist, seine eigenen Symptome zu kennen. Einerseits erschrickt man oft über die Symptome, andererseits verliert eine Angstreaktion sehr vieles an Unannehmlichkeit, wenn man eine Ahnung davon hat, was abläuft: Oft merkt man gar nicht, dass man Herzrasen hat, dass einem die Luft wegbleibt, weil man die Situation nicht detailliert genug analysiert. Man merkt nur, dass es einen fürchterlich geht, und dass man möglichst schnell weg will.

Ich liste mal einige Symptome auf, die häufig vorkommen. Falls Dir noch andere einfallen, dann schreib sie Dir bitte auf einer Liste auf (Dass Du sie auf einer Liste hast ist wichtig. Später, bei „Derealisation“ dazu mehr).

Herzrasen. Was viele Leute denken ist, dass ihr Herz aufgrund der Überlastung stehen bleiben könnte, und das erschrickt sie zusätzlich. Das stimmt nicht: Das Herzrasen dient der Fluchttauglichkeit des Körpers, und ist so eingerichtet dass der Körper keinen Schaden nimmt.

Atemnot. Das Gefühl von „ich kriege nicht genug Luft“ ist notwendig, um die Atemfrequenz zu steigern. Auch sie ist unangenehm, aber vollkommen ungefährlich. Du kannst nicht ersticken oder sonst etwas… Nimm hin, dass Du ein unangenehmes Gefühl bezüglich des Einatmen hast, aber bewerte es nicht zu stark. Es ist halt ein wenig unangenehm.

Schweißausbruch. Das überrascht einen Gerne; plötzlich hat man kalte Hände und friert, obwohl es einem auch irgendwie heiß ist. Das zu erkennen ist gut, weil man eine Ahnung hat, warum es einem kalt wird, und weil man differenzierter betrachten kann, und sich nicht nur das altbekannte „Ich fühle mich furchtbar. Ich will hier weg“ denkt.

Muskelzittern. Dasselbe gilt hier wie für den Schweißausbruch: Durch die Bewusstwerdung des Symptomes verliert es seine „magische“ Wirkung auf den Gemütszustand.

Hunger. Grade nach einer Angstreaktion fühlt man sich sehr schlaff und ausgelaugt, und merkt oft nicht dass man Hunger hat. Das passiert, weil die Gluccosevorräte im Körper alle auf einen Schlag mobilisiert werden, damit für eine Flucht viel Energie bereitsteht. Ein wenig Schokolade wirkt hier wahre Wunder.

Zum Schluss will ich auf drei Symptome ganz besonders eingehen, weil man bei diesen seine eigenen Denkmuster erkennen muss, und sie daher oft schwer als Symptome zu erkennen sind: Die Derealisation, und fatalisierende Gedanken und Variabilität.

Variabilität ist, dass bei vielen Leuten keine Panikattacke gleich der anderen ist. Darum denkt man sich auch immer wieder „..aber diesmal ist es anders. Diesmal ist es echt, diesmal ist es gefärhlich“.

Fatalisierende Gedanken sind, dass man sich das Schlimmstmögliche ausdenkt: Der Kardiophobiker sieht sich bei einem leichten Ziepen in der Brustgegend schon mit einem Herzstillstand am Boden liegen, und der Hundephobiker sieht sich, sobald er einem Hund begegnet in viele kleine Fetzen gerissen…. Das heikle an diesem Symptom ist, dass man dazu neigt es nicht als Symptom zu erkennen. Man fängt „blind“ an, sich die schlimmstmöglichen Ausgänge für die Situation auszudenken, und lebt sich wirklich hinein anstatt dass man sagen würde „Stop! Das ist auch nur ein Symptom; es ist okay wenn mir solche Gedanken kommen, aber ich nehme sie nicht zu ernst und ich verfolge sie nicht weiter“.

Derealisation ist, dass man die Umwelt Farblos, distanziert und unwirklich wahrnimmt. Dass die Welt auf einmal bleich ist, macht einem bereits Angst, dabei ist das eines der ersten Symptome die eintreten, und deshalb sollte man das möglichst schnell erkennen, und sich nicht davon erschrecken lassen. Ein biologischer Aspekt, der hier wichtig ist: Derealisation kommt zustande, weil Blut aus dem Großhirn ins Kleinhirn (dort sitzen unter anderem die Steuerung für Bewegungen und Zentren für Reflexe) geschleust wird. Das hat evolutionär den Vorteil gehabt, dass sich die Motorik und die Reaktionsfähigkeiten für eine Flucht verbessert haben. Unangenehm ist jedoch, dass die denk-Fähigkeit abnimmt. Deshalb ist es abgebracht, dass man sich Zettelchen schreibt, auf denen Symptome stehen, und andere Sachen, die einen daran erinnern wie man eine Panikattacke bewerten soll. Alternativ hilft hier auch das Telefon, da man mit dem Gesprächspartner sicher stellt, dass einem die richtigen Dinge zur richtigen Zeit einfallen.

Hier nochmal in aller Deutlichkeit: Jedes dieser Symptome ist zu Deinem Schutz eingerichtet. Auch, wenn sich etwas extrem anfühlt, sind alle Symptome absolut ungefährlich!

Fluchtgedanke

Die Angst wird viel erträglicher, wenn man den „Ich will hier weg!“-Gedanken erkennt. Der Gedanke, dass die Situation nicht auszuhalten ist, und dass man weg muss macht alles erst richtig schlimm, und unerträglich. Daher solltest Du diesen Gedanken erkennen, und Dir sagen dass Du bewusst da bleibst und Dich der Situation stellst. Wenn man erst mal diesen Fluchtgedanken identifiziert und abgestellt hat, ist eine Panikattacke nichts anderes, als ein Feuerwerk des Gehirns… Was ist denn – objektiv betrachtet – schon so schlimm daran, dass das Herz schneller schlägt, oder dass man ein wenig das Gefühl hat, nicht frei einatmen zu können?

Nach der Angst

Nach einer Angstreaktion gibt es zwei Sachen, die gut tun: Nahrungsaufnahme und Entspannung. Durch die Angstreaktion wird der Blutzuckerspiegel stark erniedrigt, daher ist es sinnvoll, danach ein wenig zu essen. Entspannung wirkt gegen die Verspannungen, die bei sowas entstehen können. Außerdem ist es sinnvoll, sich (und sein Unterbewusstsein) für eine erfolgreich gemeisterte Situation mit etwas Angenehmen zu belohnen. Wie wäre es damit, wenn Du Dich in die Badewanne legst? (:

Die Angst spielt sich in Deinem Kopf ab; eine reale Bedrohung gibt es nicht. Wenn wir reden, ist meine Stimme genau dort, wo auch Deine Angst ansetzt. Ob Du nun beim Ausprobieren dieser Sachen reden willst oder nicht, ist Dir selbst überlassen.

Mutig sein bedeutet nicht, dass man keine Angst empfindet. Sondern, wie man mit ihr umgeht.

Wir danken dem anonymen Autor ganz herzlich für seinen Beitrag auf unserer Seite.

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Category: Allgemein, Behandlung Herzneurose, Betroffene

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Comments (1)

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  1. claus dorn sagt:

    Sehr gut,
    Endlich erklärt mal jemand die Hintergründe einer herzneurose plausibel und verständlich.
    Ich war zwar schon ein bisschen auf dem weg dahin, aber jetzt ist mir einiges
    Klarer und ich nun kann meine angstanfälle besser verstehen und endlich damit umgehen

    Vielen dank

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